Salzburger Festspiele 2026: Faust I Neuinszenierung auf der Perner-Insel
16.07.2026
Mit großer Spannung erwarten Kulturfreunde heuer die Neuinszenierung von Faust I. Jetzt gaben Künstler erste Einblicke in die bevorstehende Produktion der Salzburger Festspiele:
„Alle denken, die Maschine kommt. Ich habe mich bemüht, diese Erwartungshaltung zu durchbrechen. Es ist wirklich herausragend, was diese Werkstätten unter der Leitung des technischen Direktors Andreas Zechner vollbringen. Ich sage das hier nicht, um mich beliebt zu machen. Es ist ganz außerordentlich. Nichtsdestotrotz ist es eine Bühne, die den Maschinencharakter nicht in den Vordergrund stellt. Es ist eine Bühne, die bewegt, aber der Motor der Bewegung stammt nicht von einer Maschine, die offengelegt wird, sondern vom inneren Antrieb der Haupt- und Titelfigur, von Faust selbst. Das Publikum wird trotzdem eine Scheibe erblicken. Aber diese Scheibe ist nicht mehr sichtbar, sondern in den Boden eingelassen. Motorik oder Maschine werden hier nicht ausgestellt, sondern bilden die Grundlage, auf der Bewegung durch die Darsteller·innen hergestellt werden kann. Darüber hinaus gibt es eine sehr aufwendige Konstruktion, zwei monumentale Wände, die – als Nukleus der Inszenierung – einen Korridor bilden. Die Wände sind 360° drehbar, heben und senken sich und können in psychedelischen Farben leuchten. Es sind Scheiben, die mit LED Stripes hinterlegt sind. Und so erscheint kein Eisen, kein Holz, kein Material, sondern eine immaterielle Bühne.“ so Regisseur Ulrich Rasche.
Inspirationsquelle waren für Rasche die Korridore des amerikanischen Künstlers Bruce Nauman aus den 1960er-Jahren und die Erfahrungen, die Museumsbesucher dabei machten. Durch das Hineingehen in die sehr schmalen Gänge, allein und mit sich selbst konfrontiert, „entstand ein Erstaunen darüber, wie allein man sein kann in der Welt“. Aus dem Alleinsein und der Konfrontation mit sich selbst „kommen schwankende Gestalten auf einen zu, aus Dunst und Nebel, und drängen sich auf. Der Korridor ist der Ort, wo Faust konfrontiert wird mit Anteilen seiner selbst, die er zuvor verdrängt hat. Und das ist die Spielsituation, die den ganzen Abend strukturiert. Denn alle Figuren, die erscheinen, sind Anteile, Abspaltungen seiner selbst. Das heißt, wir spielen oder zeigen eigentlich den Innenraum von Faust.“ In diesem Sinne hat Ulrich Rasche Szenen wie die „Hexenküche“, den „Osterspaziergang“ und „Auerbachs Keller“ gestrichen. „Es ist eine komplette Innenschau. Das ist konsequent, denn ein Außen gibt es nicht und alles, was wir zeigen, stammt nur von Faust selbst.“
Fausts Frustration und seine Suche nach Sinn resultieren in dieser Lesart daraus, dass er seine widersprüchlichen inneren Anteile nicht integrieren kann. Die fünf Figuren auf der Bühne sind als unterschiedliche Kräfte innerhalb von Faust selbst zu lesen: als Wünsche, Ängste, Projektionen oder verdrängte Anteile. Diese Spaltung begreift die Inszenierung jedoch nicht nur als individuelles, sondern zugleich als gesellschaftliches Phänomen: „Wenn wir bestimmte Aggressionen, bestimmte Triebe nicht als Teil von uns selbst anerkennen, dann sind wir auch nicht fähig, diese zu beherrschen.“
Schauspielerin Valery Tscheplanowa hat „schon viele Kreise mit Herrn Rasche gedreht“, wie sie lachend sagt. Sie gibt hier den Mephisto. Schon als Jugendliche sei sie fasziniert davon gewesen, wie Goethe einen „Nichtmenschen“ formulieren konnte. Sie interpretiere Mephisto nicht als religiösen Teufel, sondern als nihilistische Kraft, die „stets das Böse will und stets das Gute schafft“ – „Mephisto glaubt daran, dass wenn alle Glaubenswerte, alle Institutionen, alle Dinge, an denen Menschen festhalten, zerstört werden, erst das Gute entsteht – und wir dadurch frei werden können. Was Mephisto uns leider nicht beantwortet: Was ist dann, wenn wir frei sind? Was erkennen wir, wenn wir frei sind? Das ist die Krux dieser Figur.“
Steven Scharf, Darsteller des Faust, erlebte bereits in der gemeinsamen Arbeit an Warten auf Godot in Bochum, dass die Form in Ulrich Rasches Arbeiten Freiheit ermöglicht. Sie sei die Aufgabe, die den Schauspielern gestellt werde und gerade dadurch eine große Vielfalt an Möglichkeiten eröffne. Die Bewegung auf den beweglichen Böden verstehe er dabei eher als Tanz denn als alltägliches Gehen. Die Begegnung mit dem jungen Faust, dargestellt von Johannes Nussbaum, beschreibt Steven Scharf als eine komplexe Auseinandersetzung zwischen dem älteren und dem jüngeren Ich – eine Art Vater-Sohn-Beziehung in beide Richtungen: Der ältere Faust begegnet seinem früheren Selbst, der jüngere seinem möglichen zukünftigen Ich. Eine Beziehung zwischen Nähe und Abstoßung, Identifikation und Fremdheit.
Ulrich Rasche charakterisiert die Figur des Gretchen, dargestellt von Anna Drexler, als die einzige Figur, die sich der Objektivierung durch Faust entziehe. Ihre Stärke käme aus einer tiefen inneren Überzeugung, nicht aus einem äußeren, religiösen Glauben. Sie entwickle eine starke eigene Identität und wird zum ebenbürtigen Gegenüber Fausts. Ihr Text wird rekontextualisiert, um sie als „aufgeklärte“ und widerstandsfähige Figur zu zeigen, die im Stück ihre eigene Erlösung findet, indem sie sich der Projektion und Objektivierung durch Faust entzieht.
Ulrich Rasche: „In unserer Inszenierung gibt es kein Außen und dementsprechend gibt es keinen Gott, der zum Schluss vom Himmel sagt, sie ist gerettet. Gretchen hat die Gewissheit ihrer Erlösung bereits inkorporiert und ist deshalb nicht mehr auf eine Bestätigung von außen angewiesen. Ihr Glaube ist so stark und widersetzt sich so vehement dem Zugriff von Faust, dass sie zwar in der Erschaffung ein Objekt ist, aber dann ihren eigenen Weg geht.“
Als „Heartbeat“ der Bühne bilden Musik und Sounddesign von Alfred Brooks in Zusammenarbeit mit Jan Leitner die rhythmische Grundlage der Inszenierung. Im Studio von Musiker·innen eingespielte Klänge bilden die Basis einer „Library“, aus der Alfred Brooks die Sounds der Inszenierung entwickelt. So entsteht eine flächige, psychedelische Klangwelt. Elektronische Klicks dienen den Darsteller·innen als Taktgeber im Ohr und synchronisieren Bewegung, Sprache und Licht auf der Bühne. Gerade diese präzise rhythmische Struktur eröffnet innerhalb des festen Gerüsts große Freiheit in der individuellen Gestaltung – ähnlich der Freiheit, die sich in der Musik Johann Sebastian Bachs auf der Grundlage des Basso continuo entfaltet.
Ulrich Rasche betont zum Schluss, dass die Schauspieler·innen im Zentrum seiner Arbeit stehen. Kern seiner Arbeit sei es – dabei verweist er auf die Tradition des japanischen No-Theaters ebenso wie auf Pina Bausch –, innerhalb einer gemeinsamen Form und eines gemeinsamen Rhythmus die Unterschiedlichkeit jedes einzelnen Körpers sichtbar werden zu lassen: „Den feinsten Unterschied in der Gleichförmigkeit zu erkennen, ist für mich Richtung und Nukleus meiner Arbeit.“
Johann Wolfgang von Goethe (1749–1832)
Faust I
Eine Tragödie
Neuinszenierung
LEADING TEAM
Ulrich Rasche Regie / Bühne
Annika Lu Kostüme
Alfred Brooks Komposition / Ton-Design
Gerrit Jurda Licht
Florian Seufert Video
Yannik Stöbener Körperarbeit
Yvonne Gebauer, Constanze Kargl Dramaturgie
BESETZUNG
Steven Scharf Faust
Valery Tscheplanowa Mephistopheles
Anna Drexler Margarete
Johannes Nussbaum Junger Faust
Max Rothbart Valentin
Koproduktion der Salzburger Festspiele mit dem Residenztheater München
Premiere: 25. Juli, acht weitere Vorstellungen bis 6. August
Neu ist eine Zusatzvorstellung am 30. Juli
Perner-Insel, Hallein

